Für wen wird in Scharbeutz eigentlich gebaut?

Wer heute in Scharbeutz eine Wohnung sucht, braucht ein sehr gutes Einkommen. Bezahlbarer Wohnraum ist kaum verfügbar.

Für eine moderne 75-Quadratmeter-Wohnung werden inzwischen häufig rund 1.400 Euro Kaltmiete verlangt. Hinzu kommen Betriebs- und Heizkosten. Schnell liegt die monatliche Belastung bei mehr als 1.600 Euro. Für viele Beschäftigte in Gastronomie, Hotellerie, Handwerk, Pflege, Gemeindeverwaltung oder Feuerwehr ist das kaum bezahlbar. Dabei sind es gerade diese Menschen, die unsere Gemeinde am Laufen halten.

Gleichzeitig wird in Scharbeutz weiter gebaut. Das ist grundsätzlich richtig. Die entscheidende Frage lautet aber: Für wen entstehen diese Wohnungen?

Ein aktuelles Beispiel ist das geplante Neubaugebiet Scharrstücken südlich von Scharbeutz, westlich des Kammerwegs. In den Planungsunterlagen wird ausdrücklich das Ziel genannt, Wohnraum für Einheimische sowie Beschäftigte in Hotellerie und Gastronomie zu schaffen. Die WUB begrüßt dieses Ziel. Wir sehen jedoch die geplante hohe Bebauungsdichte und die damit verbundene zusätzliche Verkehrsbelastung kritisch. Vor allem stellt sich die Frage, ob dort tatsächlich Wohnungen entstehen werden, die sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor Ort leisten können. Bürgermeisterin und CDU setzen beim Wohnungsbau vor allem auf private Investoren. Die WUB bezweifelt, dass auf diesem Weg ausreichend bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden kann. Private Investoren müssen wirtschaftlich arbeiten und orientieren sich zwangsläufig an den erzielbaren Marktpreisen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: In einer Tourismusgemeinde wie Scharbeutz besteht die Gefahr, dass neu geschaffene Wohnungen später als Ferienwohnungen genutzt oder als Kapitalanlage erworben werden. Dadurch entsteht zwar neuer Wohnraum, aber nicht für die Menschen, die dauerhaft in unserer Gemeinde leben und arbeiten. Die WUB möchte deshalb, dass bei künftigen Wohnungsbauprojekten das Dauerwohnen klar im Vordergrund steht.

Deshalb fordert die WUB seit Jahren die Gründung einer gemeindeeigenen Wohnungsbaugesellschaft mit dem Ziel, Wohnungen für Einheimische, Familien, ältere Menschen und Beschäftigte vor Ort zu bauen und dauerhaft bezahlbar zu halten.

Hiergegen wird eingewandt, dass eine Gemeinde wie Scharbeutz mit einer solchen Aufgabe überfordert sei. Sicher: Eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft erfordert Mut, Engagement und einen langen Atem. Aber unmöglich ist das keineswegs.

Eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft hätte gegenüber privaten Investoren einen entscheidenden Vorteil: Ihr Ziel wäre nicht die Erzielung möglichst hoher Gewinne, sondern die Schaffung von Wohnraum für die Menschen in unserer Gemeinde.

Gemeindeeigene Grundstücke könnten für den Bau bezahlbarer Wohnungen genutzt und die umfangreichen Förderprogramme des Landes Schleswig-Holstein in Anspruch genommen werden. Diese sehen erhebliche Zuschüsse, langfristige zinsgünstige Darlehen und Mietpreisbindungen über viele Jahre vor. Dadurch können Wohnungen zu deutlich niedrigeren Mieten angeboten werden als im frei finanzierten Wohnungsbau.

Außerdem könnte die Gemeinde selbst festlegen, welche Zielgruppen besonders berücksichtigt werden sollen. Dazu gehören Familien, ältere Menschen sowie Beschäftigte in Hotellerie, Gastronomie, Pflege, Handwerk oder Feuerwehr.

Gleichzeitig ließe sich besser sicherstellen, dass neue Wohnungen dauerhaft dem normalen Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen und nicht überwiegend als Ferienwohnungen oder reine Kapitalanlagen genutzt werden.

Die Gemeinde müsste dabei nicht alles allein leisten. Planung, Bau und Bewirtschaftung können durch erfahrene Partner begleitet werden. Viele Gemeinden wie zum Beispiel Sylt, Heringsdorf, Gransee, Gröditz und Radeberg beweisen, dass kommunaler Wohnungsbau auch für kleinere Kommunen ein realistischer und erfolgreicher Weg sein kann.

In den gemeindlichen Ausschüssen wurden Fördermöglichkeiten des Landes Schleswig-Holstein vorgestellt. Dabei wurde deutlich, dass für den Bau bezahlbarer Wohnungen erhebliche Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen zur Verfügung stehen. Die genannten Kommunen in ähnlicher Größe wie Scharbeutz nutzen diese Möglichkeiten bereits erfolgreich. Die Frage ist deshalb nicht, ob bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden kann.

Die Frage ist, ob Scharbeutz den Mut hat, neue Wege zu gehen. Die WUB ist überzeugt: Unsere Gemeinde braucht Wohnungen für die Menschen, die hier leben und arbeiten – nicht nur für diejenigen, die sich die höchsten Mieten leisten können.

Jörg Fock,
Gemeindevertreter